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Stellungnahme des AK-Neuro-Urologie

der Deutschsprachigen Gesellschaft für Paraplegie (DMGP)

zu Bestrebungen einiger Krankenkassen in Deutschland,

urologische Hilfsmittel für Patienten mit neurogenen Harnblasenfunktionsstörungen über „Versorgungspauschalen“ abzurechnen und den intermittierenden Einmalkatheterismus auf eine Dauerkatheterbehandlung umzustellen

 

In den letzten Monaten häufen sich Hinweise von Patienten mit neurogenen Harnblasenfunktionsstörungen, die über eine Begrenzung der Anzahl von Kathetern und über Vorschreiben der Katheterart seitens der Krankenkassen berichten. Darüber hinaus existieren Bestrebungen der Krankenkassen, den Umfang urologischer Hilfsmittel für diese Patienten überhaupt vorzuschreiben. Bei diesen Überlegungen stehen Einsparinteressen der Krankenkassen medizinischen Erfordernissen diametral entgegen. Aus diesem Grund nimmt der Arbeitskreis Stellung, um die zu erwartenden ernsten gesundheitlichen und sozialen Folgen für die Patienten aufzuzeigen.

Krankenkassen sind an Patienten herangetreten, anstelle von Einmalkathetern Dauerkatheter zu verwenden. Das widerspricht dem derzeitigen Wissensstand:

 

  1. Transurethrale Dauerkatheter verursachen gravierende Komplikationen, wie Harnröhrenzerstörungen und –strikturen. Weiterhin können transurethrale und suprapubische Dauerkatheter zu Steinbildung in der Harnblase, chronischen Infekten mit multiresistenten Keimen und Entwicklung bösartiger Tumore in der Harnblase führen. Ihr Einsatz unterliegt bei neurogenen Harnblasenfunktionsstörungen einer strengen Indikationsstellung.
  2. Nach Empfehlungen des Robert-Koch-Institutes[1],[2] soll die Anzahl der Kathetertage möglichst gering gehalten werden, um die katheterassoziierten Harnwegsinfekte durch Keime mit besonderer Resistenz einzudämmen. Die ökonomisch motivierten Bemühungen der Krankenkassen, mehr Dauerkatheter zum Einsatz zu bringen, wirken diesem gesellschaftlichen Anliegen direkt entgegen und widersprechen der Gesetzeslage.
  3. Besondere Brisanz erhalten solche Empfehlungen der Krankenkassen bei älteren Patienten, Kindern und Patienten mit eingeschränkter Handfunktion.
  4. Der behandelnde Arzt wird bei diesen Entscheidungen der Krankenkassen bewusst ausgeschlossen.

Aktuell besteht zunehmend das Anliegen der Krankenkassen, die notwendige Hilfsmittelversorgung durch eine Versorgungspauschale zu limitieren.

Die Einführung des intermittierenden Katheterismus in den 1940er/50er Jahren hat die Rate eines Nierenversagens und die damit im Zusammenhang stehende Mortalität, halbiert. Der intermittierende Katheterismus ist als Goldstandard international anerkannt[3].

Der medizinisch-technische Fortschritt führte dazu, dass der Katheterismus vereinfacht, die Handhabung verbessert und medizinische Probleme überwunden wurden (z.B. Gummi- und Latex-Allergien, Verletzungen der Harnröhre durch ausgestanzte Löcher in den Kathetern und schlechte Gleitfähigkeit, Schmerzen beim Katheterismus, schwierige Überwindung des spastischen äußeren Sphinkters, Harnwegsinfektrate). Unterschiedliche Katheter ermöglichen die individuelle Versorgung des einzelnen Patienten unter Berücksichtigung seines Handicaps, um eine größtmögliche Sicherheit, Selbstständigkeit und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.

Kein Mensch kann genau voraussagen, wann er die Blase entleeren muss. Genau das aber wird von Patienten mit neurogenen Harnblasenfunktionsstörungen durch die Versorgungspauschalen gefordert. Gerade diese Patienten haben keine oder stark veränderte Empfindungen in der Harnblase. Sie müssen ohnehin einen ganzen Kreis von Maßnahmen beachten, um kontinent zu bleiben und um weitere Komplikationen, wie z.B. Harnblasenüberdehnungen durch nichtadäquate Katheterisierungshäufigkeit, fieberhafte Harnwegsinfekte, Blasensteine sowie Nierenfunktionsverlust zu verhindern.

Besonders gravierend ist die Begrenzung der Anzahl von Kathetern bei Kindern.

Die empfohlene Katheterisierungsfrequenz, die Art und Größe des Katheters werden individuell ärztlich festgelegt. Der Patient wird in die Handhabung des Katheterismus eingewiesen und geschult. Die Frequenz des medizinisch notwendigen Katheterismus schwankt und basiert auf dem neuro-urologisch festgelegten Therapiekonzept.

Der Arbeitskreis weist darauf hin, dass auch die Kondomurinalversorgung wesentlicher Bestandteil der neuro-urologischen Behandlung ist. Es macht keinen Sinn, durch inadäquate Kondomurinale und Limitierung der Kondomurinalanzahl (bei Patienten, die passager zusätzlich zum IK auf Kondomurinale angewiesen sind) das Risiko von Hautinfektionen und Decubitalulcera in Kauf zu nehmen.

Die Versorgungspauschalen führen zu einer Rationierung durch die Hintertür. Daraus entstehende Gesundheitsschäden werden entweder bewusst ausgeblendet oder ignoriert.

Das Risiko, dass Patienten durch ein Missmanagement in der Hilfsmittelversorgung gesundheitliche Folgeschäden davontragen, liegt nicht im Interesse der Patienten und der behandelnden Ärzte und sollte auch nicht im Interesse der Krankenkassen liegen. Die Konsequenzen treffen den Patienten in vollem Umfang, für die Kosten der Folgeschäden haftet die Solidargemeinschaft.

 

 

 

 

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Urteil des LSG Potsdam zu Einschränkungen der Hilfsmittelversorgung durch eine Krankenkasse: L 1 KR 263/11

Die Urteilsbegründung liegt jetzt vor. Eine Revision wurde nicht zugelassen.

Wesentlich: „Aus § 33 Abs. 1 Satz 1 SGB V ergibt sich ein Anspruch auf passgerechte und mängelfreie Windeln in ausreichender Stückzahl

 

https://sozialgerichtsbarkeit.de/sgb/esgb/export.php?modul=esgb&id=160104&exportformat=PDF

 

 

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Für den Arbeitskreis

Der Vorstand



[1] Bundesgesetzblatt 1999, 42, 806-809

[2] Bundesgesetzblatt 2005, 48, 1061-1080

[3] EAU Guidelines, www.uroweb.org/guidelines/pdf/20_Neurogenic%20LUTD_LR.pdf