32. Jahrestagung der Deutschsprachigen Medizinischen Gesellschaft für Paraplegiologie e. V. (DMGP) vom 22. bis 25. Mai 2019 in Koblenz

Neue Konzepte für alte Patienten, aktualisierte Leitlinien und eine neue Nomenklatur werden die Versorgung Gelähmter verbessern

Das Leitthema erwies sich als Volltreffer: „Abschieben oder Rehabilitieren?“, so lautete das – zugegeben – provokante Motto der 32. Jahrestagung der DMGP in Koblenz. Immer mehr Querschnittgelähmte, die ein hohes Lebensalter erreichen, sowie immer mehr betagte frisch Gelähmte stellen Paraplegiologen zunehmend vor Herausforderungen, die sie bisher nicht kannten. Schnell wurde beim Kongress klar: „Allen ist diese Situation bekannt. Wir stoßen alle an dieselben Grenzen. Darum war es genau richtig, den Anstoß zu geben, für Querschnittgelähmte im Alter etwas zu bewegen“, sagt Tagungsleiter Walter Ditscheid (Koblenz). Vier Tage lang arbeiteten knapp 750 Ärzte und Fachkräfte gemeinsam intensiv an neuen Konzepten und Lösungen.

Koblenz. Der Altersdurchschnitt von Patienten in Zentren für Querschnittgelähmte steigt ständig. Dank des Fortschritts moderner Medizin und Pflege. Doch hat dies zunehmend zusätzliche gesundheitliche Probleme der Betroffenen zur Folge. „Alte querschnittgelähmte Patienten sind nicht genauso zu versorgen wie junge Gelähmte“, sagt Walter Ditscheid. Ob Spastik, Darmmanagement, orthopädische Komplikationen oder psychologische Unterstützung – beinah alle Aspekte der Behandlung und Pflege unterscheiden sich. Dazu kommt: Während junge Patienten noch lernen, sich mit ihrer Situation auseinanderzusetzen und die Herausforderungen eines völlig veränderten Alltags anzunehmen, so ist Zufriedenheit für frisch Gelähmte in fortgeschrittenem Alter schwierig zu erreichen.

So wurden denn auch verschiedenste Fragen zur Versorgung des alten Querschnittgelähmten diskutiert, die speziellen medizinischen Bedürfnisse und Besonderheiten betagter Patienten in den Arbeitskreisen herausgearbeitet und entsprechende Konzepte überlegt. – Aber nicht nur. Zu den Kongresshighlights in diesem Jahr gehörte auch die mit 200 Teilnehmern bestens besuchte Sitzung zu Innovationen in der Therapie der Rückenmarksschädigung, u.a. mit Aktuellem aus der Stammzellforschung. Ebenfalls auf breites Interesse traf die Diskussion um die in Arbeit befindliche neue, verbesserte Nomenklatur, welche künftig die Kommunikation der spezialisierten Zentren untereinander und schließlich auch nach außen, insbesondere zu niedergelassenen Ärzten, vereinheitlichen und erleichtern soll. Eindrucksvoll geriet außerdem die Präsentation neuer Leitlinien, unter anderem zum Thema Querschnittlähmung und Schwangerschaft, in der selbst betroffene, ehemalige Schwangere mit persönlichen Erfahrungen die Darstellung der bestehenden Versorgungssituation bereicherten. Die Behandlung der Spastik und die medikamentöse Therapie im Alter wurde diskutiert und deren besondere Bedeutung herausgearbeitet. Des Weiteren gab es Überlegungen, die Zusammenarbeit mit den Geriatern zu intensivieren.

Anderen Betroffenen Mut spendend, alle anderen mindestens schwer beeindruckend – das sind die Reiseerfahrungen, die der querschnittgelähmte Weltenbummler Andreas Pröve („Erleuchtung gibt’s im nächsten Leben“) auf seinen Touren durch Indien oder Myanmar seit mehr als 30 Jahren sammelt: Seit Pröve 1981 nach einem Motorradunfall im Querschnittzentrum Koblenz mit dem Helikopter ankam, als erster Patient im damals neugebauten Zentrum. Nicht nur Tagungspräsident Walter Ditscheid freute sich sehr über das Wiedersehen mit Pröve, der als Festredner von seinen Reisen mit dem Rasenmähermotor-frisierten Rolli berichtete.

Sicher vermag nicht jeder Gelähmte sein Schicksal derart mutig und abenteuerlich zu meistern. Und neue Beschwerlichkeiten bringt das zunehmende Alter in jedem Fall. Dass Patienten der Last ihres Leidens und der womöglich ausweglosen Situation ständiger Hilfebedürftigkeit müde, ja lebensmüde werden können, beschäftigte die Experten in Koblenz ebenfalls. Wie umgehen mit dem Sterbewunsch querschnittgelähmter Patienten? Hier gibt es freilich keine Konzepte, dennoch bedarf die Problematik einer sensiblen Betrachtung. „Aktive Sterbehilfe gibt es hierzulande nicht und wird es auch nicht geben. Und das ist auch gut so“, sagt Walter Ditscheid. Umso wichtiger und erfreulicher, dass das schwierige Thema auch im Kreis einer sich neu formierenden Gemeinschaft von Seelsorgern aufgegriffen wurde. „Wenn es darum geht, eine Wertschätzung des Lebens zu vermitteln, und dieser Zuspruch ist für gelähmte Menschen enorm wichtig, haben Seelsorger eine zentrale Bedeutung zwischen Psychologen und den erfahrenen, selbst betroffenen ‚Peer Counselers‘. Darum hat mich diese Initiative sehr gefreut und ich hoffe, dass hier ein neuer Arbeitskreis entsteht.“

Für die nächste, die 33. Jahrestagung der Deutschsprachigen Medizinischen Gesellschaft für Paraplegiologie (DMGP) lohnt es sicher, sich schon heute den 22. bis 25. April 2020 vorzumerken. Dann treffen sich Mediziner und Fachkräfte zum erneuten intensiven Wissens- und Erfahrungsaustausch, diesmal im schweizerischen Nottwil.

Den Abstractband zur DMGP 2019 finden Sie hier.

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